Klaus Schmitz
„Klaus, die Mauer ist gefallen“ – Die Geschichte eines Studienfahrtteilnehmers aus dem Westen, der sich verirrte und sich selbst im Osten wiederfand
Ostberlin 1985. Gemeinsam mit der Karl-Arnold-Stiftung begeben sich die Leistungskurse Deutsch und Geschichte des ehemaligen Heinrich-Hertz-Gymnasiums (heute: Nicolaus-Cusanus-Gymnasium) in Bonn auf Abiturfahrt nach Berlin. Ebenfalls auf dem Programm: ein Tag in Ostberlin. Auch Klaus Schmitz ist dabei. Aber Klaus fühlt sich nicht gut. Ihn plagen Erkältungssymptome und fast wäre er an diesem Tag im Bett geblieben. Da er sich jedoch den Tag im Ostteil der Stadt nicht entgehen lassen möchte, fährt er trotzdem mit. Nachmittags steht für die Schüler*innen Freizeit auf dem Programm und eine kleine Gruppe geht auf den Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem u. a. Bertolt Brecht, Hanns Eisler und die Schriftstellerin Christa Wolf beigesetzt sind. Dort setzt sich Klaus kurz hin, um zu verschnaufen – und verliert seine Gruppe. Hier beginnt eine Reise, die von Freundschaften, von Überwachung und der Suche nach sich selbst handelt und über die Klaus viele Jahre später ein Buch verfassen wird.
Kenkel: Herr Schmitz, wenn Sie an das frühere Ostdeutschland denken, woran denken Sie als Erstes?
Schmitz: An die Offenherzigkeit und Gastfreundschaft. In Ostdeutschland wusste man das Leben zu feiern. Ich habe dort mehr Nächte durchgefeiert als in Westdeutschland. Und ich erinnere mich, dass die Menschen immer gut gekleidet waren. Die Westdeutschen musste man ja teilweise schon daran erinnern, nicht mit Shorts in die Oper zu gehen (lacht). Für mich war es eine schöne und ungewöhnliche Zeit.
Kenkel: „Ungewöhnlich“ ist das Stichwort. 1985 haben Sie sich ja mehr oder weniger in den Osten verlaufen.
Schmitz: Stimmt. Ich hatte damals auf dem Friedhof ein wenig die Orientierung verloren und musste überlegen, was ich den Nachmittag über mache. Dann fiel mir ein, dass noch eine Verwandte meines Vaters in Ostberlin lebte. So habe ich eine Frau, die gerade vorbeikam, gefragt, ob in den Telefonzellen in Ostberlin auch Telefonbücher ausliegen. Sie sagte nur: „Naja, wenn se nich‘ jeklaut worden sind, jibt et die da noch.“ Ich fand es toll, wie humorvoll sie war und so kamen wir ins Gespräch. Sie war Tänzerin und Choreographin, ich bin großer Opernliebhaber. Der Tag endete damit, dass sie mich zum Abendessen mit ihren Freunden einlud.
Kenkel: Und hier beginnt die eigentliche Geschichte?
Schmitz: Ja, das kann man so sagen. Diesen Abend werde ich nie vergessen. Ich habe damals schon gemerkt, dass da wahre Freundschaften entstanden sind. Also reiste ich nach Ostberlin so oft es ging.
Kenkel: Aber Freundschaften zwischen Ost und West blieben doch sicher nicht ohne Konsequenzen?
Schmitz: Interessant, dass Sie fragen. Vor zwei Jahren fragte mich mein Sohn, der das Thema „DDR“ im Unterricht behandelt hatte, auch, ob ich von der Stasi bespitzelt wurde.
Kenkel: Wie haben Sie darauf reagiert?
Schmitz: Tja, wie reagiert man, wenn man – zudem vom eigenen Sohn – auf etwas angesprochen wird, das man über 30 Jahre verdrängt hat? Ich war darauf überhaupt nicht vorbereitet und zunächst einmal geschockt. Aber nach und nach wurde mir klar, dass ich mich dem Thema stellen muss. Und ich fand heraus, dass es tatsächlich eine Stasiakte über mich gibt. Ich habe auch schon einen Antrag auf Einsicht gestellt, das dauert aber wohl noch einige Zeit.
Kenkel: Ist das nicht ein komisches Gefühl?
Schmitz: Auf jeden Fall! Und ein moralisches Dilemma. Welche persönlichen Details schlummern da vielleicht in den Akten? Darf man nach so einer langen Zeit noch in diesen Vorgängen recherchieren? Bespitzele ich jetzt nicht die Spitzel von damals?
Kenkel: Wenn Sie sagen, dass Sie das Thema 30 Jahre lang erfolgreich verdrängt haben, haben Sie dann nicht eigentlich schon geahnt, dass Sie bespitzelt wurden?
Schmitz: Eher nicht. Vielleicht, weil ich in den Künstlerkreisen unterwegs war und mich dort sicher gefühlt habe. Vielleicht war ich auch zu naiv. Es gab diese Silvesternacht in Ostberlin. Auf der war ich mitunter der einzige Westdeutsche. Aber ich hatte keine Angst. Dieses mulmige Gefühl entsteht in mir erst jetzt, viele Jahre später.
Kenkel: Ich denke, jeder Mensch, der zu Zeiten der DDR in Deutschland gelebt hat, erinnert sich an den Tag, an dem die Mauer fiel. Erinnern Sie sich?
Schmitz: Natürlich. Der Tag war so ungewöhnlich wie meine Begegnungen im Osten. Die besagte Freundin, nennen wir sie mal „Lena“, war einige Monate zuvor nach einem Verwandtenbesuch in Westdeutschland geblieben. Ihr Mann, der sie besuchen durfte, war ihr hinterhergereist. Später habe ich dann erfahren, dass er von der Stasi den Auftrag erhalten hatte, sie zurückzuholen. Er kam also kurz vor dem Mauerfall im Westen an und erfuhr schließlich, was im Osten passiert war. Ich weiß noch, wie er mich damals anrief und sagte: „Klaus, die Mauer ist gefallen!“
Kenkel: Ich kann mir vorstellen, wie emotional das gewesen ist. Sind ihre Freunde dann wieder zurück in den Osten gegangen?
Schmitz: Ja, und ich kurze Zeit später auch. Nach der Wende habe ich für eine Berliner Wohnungsbaugesellschaft gearbeitet. Einige Jahre später hat es mich nach Osteuropa verschlagen. Ich wollte die Aufbruchstimmung mitnehmen, ich war begeistert und erschrocken von dieser Zeit. Und ich wollte auch meinen „eigenen Umbruch“ verstehen.
Kenkel: Ihren „eigenen Umbruch“ verarbeiten Sie in einem Briefroman mit dem Arbeitstitel „Grauzonen“, der Ihr Leben und Ihre Freundschaften im Westen und im Osten Deutschlands thematisiert. Kann man das so zusammenfassen? Warum sollte man das Buch lesen, wenn es erscheint?
Schmitz: Ihre Beschreibung trifft es sehr gut! Aber es handelt auch von Identitätssuche und Zugehörigkeit. Warum man das Buch lesen sollte? Es ist eine deutsch-deutsche Geschichte, die ich aus der Sicht eines Deutschen mit einem ungewöhnlichen Hintergrund – sozusagen einem „Migrationshintergrund“ – erzähle. Ich bin in den USA, Schweden und Neuseeland aufgewachsen und war gegenüber der DDR eher neugierig. Außerdem ist es eine Geschichte von Freunden, die versucht haben, Teilung und Teilendes auf ihre Weise zu überwinden.
Kenkel: Letzte Frage: Haben Sie noch Kontakt zu den Freund*innen von früher?
Schmitz: Mit „Lena“ stehe ich noch regelmäßig im Kontakt. Mit ihrer Familie und anderen ehemaligen Tänzern aus dem Tanzensemble bin ich über Facebook verbunden.



